Dr. Christine Höflich
FÄ für Neurologie
FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie
Am Spitzenbach 13
53604 Bad Honnef
Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern
Mit dem Elternsein beginnt eine völlig neue Lebensphase. Viel Vertrautes muss aufgegeben werden und neue Aufgaben kommen auf Eltern zu. Diese ist neben vielen Freuden auch mit vielen Herausforderungen verbunden. Mit dem Eltern-Sein sind viele neue Rollen verbunden, in die es hineinzuwachsen gilt. Das erfordert einen neuen Umgang mit Zeit, Aufmerksamkeiten, eigenen Ansprüchen und verfügbaren Energien und vieles mehr. Die Alltagsgestaltung kann – trotz aller Bemühungen - stressbelastet sein und ist es tatsächlich oft. Kinder entwickeln und verändern sich ständig, oft ist nichts, wie es gestern war und Mütter/Väter müssen eine hohe Anpassungsleistung erbringen. Eltern können an ihre Grenzen stoßen, sich überfordern und erschöpfen. Verständlich, denn sie sind auch nur Menschen. Es gibt viele Gründe für Eltern, in eine Stress- Situation zu kommen z.B.:- Veränderung äußerer und innerer Anforderungen
- Die Bedürfnisse von Kindern und Eltern können sehr unterschiedlich sein
- Körperliche Erschöpfung
- Kurze Nächte, Schlafmangel
- Zeitdruck
- Gleichbleibende oder zunehmende Aufgaben im Haushalt
- Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Unvorhergesehene Ereignisse (z.B. Krankheit, Kita-Ausfall etc.) meistern
- Hohe Erwartungen an sich selbst!
- Keine Zeit für sich und eigene Bedürfnisse
Warum Achtsamkeit für Eltern?
ACHTSAMKEIT könnte ein hilfreiches Mittel sein, dazu beizutragen, ein gelasseneres, kreativeres und freudvolleres Familienleben zu fördern.Was bedeutet es, achtsam zu sein?
Achtsamkeit beinhaltet auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: Bewusst im gegenwärtigen Augenblick… Jon Kabat – Zinn Wie soll das gehen, wenn die Gedanken uns in die Vergangenheit leiten oder wenn sie schon planend in die Zukunft gerichtet sind? Wie soll das gehen, wenn wir im akuten Moment „Hände zu wenig haben“ und am besten 3 Dinge gleichzeitig erledigen sollten? Wie soll das gehen, wenn wir nur noch funktionieren müssen und nicht mehr wissen „wo uns der Kopf steht“?Genau hier macht die Achtsamkeit Sinn:
- Wenn keine Zeit übrig ist, sich den praktischen Übungen der Achtsamkeits-Praxis ( Yoga, Bodyscan, Meditation) zu widmen, braucht man sich keine Zeit „freischaufeln“
- Man kann trotzdem von den positiven Aspekten der Achtsamkeit profitieren
- Es ist eine innere Haltung, die man sich mitten im Alltag zunutze machen kann
- Es kann mehr Ruhe und Entspannung einkehren
- Das „Hamster-Rad“ des funktionieren müssen kann unterbrochen werden und wieder mehr Lebendigkeit spürbar werden
Was braucht es für die Achtsamkeit im Alltag:
1. Atem Es ist kein zusätzlicher Zeitaufwand, den Atem zu beobachten und wahrzunehmen, denn er ist immer da! Meistens verläuft das Atmen, ohne dass wir es zur Kenntnis nehmen, wir atmen immer wieder automatisch aufs Neue ein und aufs Neue aus, wieder und wieder und wieder. Die Aufmerksamkeit auf den Atem zu lenken, auf jeden einzelnen Ein- und Aus-Atemzug in diesem einen Moment, kann helfen, im „Hier und Jetzt“ gegenwärtig zu sein. Immer dann, wenn Gedanken an „To-do-Listen“ z.B. uns ablenken, kann die Wahrnehmung des Atems hilfreich sein, uns wieder mit uns zu verbinden. Diese Verbindung mit dem eigenen Selbst geht in starken Belastungszeiten oft verloren. Das achtsame Atmen hilft, die eigene Lebendigkeit wieder zu spüren, kann Anspannungen lösen und mehr Ruhe einkehren lassen. 2. Die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richten- auf das, was gerade jetzt ist
- nicht auf das, was gestern war oder auf das, was noch zu tun ist
- nicht auf Gedanken an die Vergangenheit oder auf die Zukunft richten
- lenke die Aufmerksamkeit auf das, was gerade ist, was Du gerade tust: z.B. Kartoffeln schälen, Baby wickeln, Wäsche aufhängen, Zeitung lesen.
- Die Aufmerksamkeit auf das richten, was Du gerade tust
- Auf das, was Du gerade spürst
- nicht auf Gedanken an die Vergangenheit oder auf die Zukunft richten
- Auf das, was gerade „ansteht“
- Wahrnehmen, wenn Gedanken Dich ablenken (z.B an Vergangenes, Zukünftiges, Planendes etc.), dann...
- Versuchen, wieder in die Gegenwart zu kommen, ohne Dich zu kritisieren, ohne zu urteilen, liebevoll mit Dir sein und nicht den Mut verlieren:
- So kann selbst in unruhigen, hektischen und stressigen Alltagssituationen etwas Ruheerleben möglich gemacht werden.
- Alles so sein lassen, wie es sich zeigt
- Auch die nicht schönen Dinge oder Empfindungen annehmen
- Den Wunsch und die Anstrengung nach „möge es anders sein“ loslassen
- Sich selbst akzeptieren, auch wenn Dir der jetzige Zustand nicht gefällt
- Von Kindern das Staunen neu lernen (Pflanzen, Wolken, Steine, Pfützen etc.)
- Alltäglichkeiten bewusst wahrnehmen (Rituale, Wohnungsgegenstände, Menschen etc.)
- Die Umgebung wahrnehmen, als sei es das erste Mal
- Das, was ans Ohr dringt so hören, als wenn Du man bisher nichts gehört hättest (Kinderlachen, Vogelgezwitscher, Musik, Regen etc.)
- Gerüche bewusst riechen (Blumen, Essensdüfte, Kaffee, Seife etc.)
Übungen für den Alltag (mittendrin)
Beispiele im Zusammensein mit Deinem Kind- Dein Kind bewusst betrachten: Die Haare, die Gesichtszüge, die Augen, die Nase, den Mund, die Ärmchen, die Beinchen, die Finger und Zehen, den ganzen Körper
- Seinen Lauten, seiner Sprache, seiner Stimme bewusst zuhören
- Den typischen Geruch Deines Kindes wahrnehmen
- Dein Kind im Schlaf betrachten, seine Körperhaltung beobachten, seinen Atemzügen lauschen, die geschlossenen Augen betrachten…
- Auf die Wahrnehmung Deines Atems
- Auf die Wahrnehmung Deines Körpers
- Wie fühlst Du Dich?
- Nur den Moment gelten lassen
- Kein Ziel erreichen wollen
- Keine Erwartungen erfüllen müssen
- Den Anspruch, Gleichzeitiges bewältigen zu wollen erkennen und aufgeben
- Sich dem Kind zuwenden
- Jede Tätigkeit bewusst durchführen, ohne schon an die Nächste zu denken (z.B. beim Kartoffelschälen nur das tun, wie fühlt sich das an, wie sieht die Kartoffel aus? oder z.B. beim Wäscheaufhängen fühlen, wie sich die Wäsche anfühlt, wie sie riecht, wie sind die eigenen Körperbewegungen bei dem Vorgang?
- Beim Kochen nur kochen (z.B. nicht gleichzeitig noch ein Telefonat erledigen wollen, Mails checken oder noch Wäsche falten wollen etc.)
- Wenn das Kind schläft, sich evtl. auch eine Zeit des „Nichtstuns“ gönnen
- Sich mal belohnen mit einer schönen Unternehmung z.B., auch wenn noch dieses und jenes zu tun wäre

